Weltwärts gen Tansania

- Oliver Wichert

Heiße Weihnachten

Dienstag, 28. Dezember 2010
23.12.2010 um 22.30: „Tutaondoka saa kumi na mbili“ heißt es, nachdem unser Bus auf den Busbahnhof einer tansanischen Kleinstadt gerollt ist, auf dem schon unheilvoll viele andere Busse standen. Das war es dann wohl, die Hoffnung Bukoba noch in der Nacht zu erreichen war leider vergebens, wir würden Heiligabend zunächst im Bus verbringen müssen.
Malin und ich waren morgens um sechs in Dar-es-Salaam losgefahren und unser Bus konnte leider nicht ansatzweise mit dem Luxusbus der uns auf der Hinfahrt kutschiert hatte mithalten. Um am heiligen Abend wenigstens einigermaßen fit zu sein entschieden wir uns, im Gegensatz zu den anderen Fahrgästen, nicht bis zur Weiterfahrt morgens um sechs im Bus zu warten, sondern uns eine Bleibe zu suchen, in der wir ein wenig Schlaf finden könnten.
Dies stellte sich als gute Entscheidung heraus, das nahe gelegene Guesthouse für gut einen Euro pro Person hatte saubere Zimmer mit Moskitonetz und Steckdose und als wir nach der etwas anstrengenden Busfahrt ins kuschelige Bett fielen, war der Frust über die verzögerte Weiterfahrt fast vergessen.




Um vier Uhr Nachmittags waren wir Heiligabend endlich zuhause. Den Speiseplan hatten wir schon im Bus ausgearbeitet, sodass wir uns, nach einem kurzen Abstecher zur Post, gleich ans Einkaufen machen konnten. Zusammen mit Bastian haben wir lecker gekocht, gegessen, Weihnachtslieder gehört und schließlich langsam und genüsslich unsere Weihnachtspakete ausgepackt. Obwohl es selbstverständlich ganz anders war als zuhause, war es ein sehr schöner Abend.




Am ersten Weihnachtstag war ich zu Pascals Eltern eingeladen. Nach einer Stunde Fahrt im Dalla-Dalla holte Pascal mich im Dorf ab und nachdem wir eine halbe Stunde durch herrliche Natur gewandert waren kamen wir bei der Hütte seiner Eltern an. Pascals Familie wohnt, wie man es aus afrikanischen Museen kennt: Eine Lehmhütte ohne Strom, Wasser wird vom See geholt und gekocht wird auf einem Drei-Steine-Herd.
Man sitzt und schläft auf Matten aus irgendwelchen Gräsern, Möbel gibt es so gut wie keine.
Zum Mittag gab es Reis mit etwas Rindfleisch. Obwohl das Rindfleisch hier unvorstellbar billig ist, können sich die wirklich armen Familien in den Dörfern das nur sehr selten leisten. Dennoch glaube ich, dass die Tatsache, dass es Fleisch gab, eher darauf zurückzuführen ist, dass ich zu Besuch war, als dass Weihnachten war.




Weihnachten wurde nämlich nicht ansatzweise gefeiert, nicht einmal die ganze Familie hat sich versammelt. Das einzige was ich von Weihnachten groß mitbekommen habe ist, dass die Menschen hier zu Weihnachten deutlich mehr Alkohol trinken - selbst mein Nachtwächter war Heilig Abend schon betrunken (wobei wir den Verdacht hegen, dass er nicht nur zu Weihnachten trinkt...). Pascals Vater hat eine Bar, in der er aus Mais und Hirse gegorenes Bier verkauft. Mais und Hirse werden mit Wasser zwei Tage lang in einem Eimer stehen gelassen, das ganze dann durch einen alten Sack ausgewrungen und das Resultat für fünf Cent pro Flasche verkauft. Ich war zu feige das zu probieren...




Am nächsten Morgen bin ich dann noch mit Pascal Feuerholz suchen gegangen und er hat mir die Felder seiner Eltern gezeigt. Wie fast überall hier werden Mais und Erbsen angebaut, ab und zu gibt es auch Bananen. Auch dies war extrem interessant, wenn auch wenig weihnachtlich.

Insofern war das Weihnachtsfest hier etwas enttäuschend, wobei die afrikanische Gastfreundschaft, die ich genießen durfte, über einiges hinwegtröstet. Es wurde sich geradezu rührend um mein Wohlergehen gesorgt und es war eine tolle Erfahrung einmal eine Nacht unter „wirklich afrikanischen“ Verhältnissen zu verbringen.

Unter Wasser

Dienstag, 21. Dezember 2010
Kaum schreibe ich, Tauchen sei wie Safari, nur dass man nicht so leicht Fotos machen könnte, gibt es Fotos unserer letzten beiden Tauchgänge! Wir haben vorgestern unseren Kurs abgeschlossen und morgen gehts zurück "in the Busch" wie unser Kenianischer Tauchlehrer zu sagen pflegt.

Sanzibar

Samstag, 18. Dezember 2010
Nun bin ich gut und ohne die auf der Fähre an uns verteilten Kotztüten zu benutzen auf Sansibar angekommen. Schon im dunkeln ließ sich ausmachen, dass es hier nicht so schlecht ist.
Diese Beobachtung konnte beim ersten Baden schon vor dem Frühstück bestätigt werden, herrlicher Strand, perfekte Wassertemperaturen, Sonne. :-)




Auch durch die das Ufer säumenden Hotels wird das perfekte Bild nicht gestört. Die mit Palmwedeln gedeckten Häuser haben nicht im geringsten mit europäischen Hotelbunkern zu tun. Wir wohnen in einer schön grünen Bungalow-Anlage mit großer schattiger Terrasse. Aufgrund des Verhandlungsgeschicks von Bene und Philipp, die während Malin und ich noch mit dem Visum gekämpft haben hier schon alles organisiert haben, und der Tatsache dass wir zu viert im Dreierbungalow schlafen, konnten wir den Übernachtungspreis auf knapp 10 Euro pro Nacht inklusive Frühstück drücken. Generell lassen sich mit Verhandlung auf Swahili und der Anspielung dass man ja ein armer Volunteer sei hier oft gute Preisnachlässe rausholen, egal ob an der Cocktailbar oder in der Tauchschule.
Unsere Tauchschule ist auch total nett. Schüler und Lehrer aus aller Welt und ein netter Ort wo man Theorie lernen kann. Unser Lehrer ist total nett, spricht 6 Sprachen (unter anderem deutsch), kommt aus Kenia und ist seit 9 Jahren Tauchlehrer. Wir waren jetzt schon zwei mal richtig an nem Korallenriff und die ganzen Fische, Seeigel und -Sterne sind schon extrem beeindruckend.
Es ist eigentlich genau wie eine Safari über Wasser, nur dass man leider nicht so einfach Fotos machen kann.

Obwohl man eindeutig merkt, dass man nicht in Europa ist, ist hier schon vieles anders, als wir es aus Tansania gewohnt sind. Es können viele ein wenig englisch und überall laufen „traditional Massai“ rum die einem irgendwelche Souvenirs andrehen wollen. Generell hat man das Gefühl es wird den Touristen eine künstliche Afrika-Kultur verkauft. Alle sprechen einen mit „Jambo“ an („Hallo“ auf Reiseführersuaheli), wollen einem irgendwelche Massagen oder Wachsbehandlungen verkaufen und sind schon sehr erstaunt wenn man auch nur ein wenig Suaheli spricht.
Selbst in den lokalen Shops sind Früchte viel teurer als auf dem Festland, eine Ananas kostet etwa das doppelte, Bananen sogar das fünffache. Nur der „Reis mit Bohnen“ in den „local“ Restaurants, von dem wir uns hier hauptsächlich ernähren, ist billig wie überall.

Ich werde mich jetzt wieder ins Wasser verholen um mich für die anstehende „Full-Moon-Party“ heute Nacht angemessen zu erholen!:-P

Geschafft!

Donnerstag, 16. Dezember 2010
Es ist vollbracht, ich habe endlich mein „Resident Permit Class C“ und sitze auf der klimatisierten Fähre nach Sansibar.
Als es endlich hieß, dass ich das Visum abholen könne, habe ich mich zusammen mit Malin auf den Weg nach Dar-es-Salaam gemacht, da wir das Abholen meines Visums mit einem Urlaub auf Sansibar verbinden wollten.
Donnerstag Abend kam mein Chef von einer Konferenz in Deutschland zurück. Zum Glück hatte er gegen die Urlaubspläne nichts einzuwenden. So ging es Freitag Mittag im Bus nach Bukoba. Bukoba ist ungefähr 2 Stunden entfernt (wir brauchten leider vier, aber naja) und eine etwas größere Stadt. Sie liegt direkt am Viktoriasee und ist noch schön übersichtlich, aber doch so groß, dass man „westliches“ Essen findet.
Also haben wir uns den ersten netten Abend gemacht, Snickers gegessen, in Laufschuhen eine herrliche Runde am Viktoriasee gedreht und uns schließlich zum Essen in unserem Lieblingshotel eingefunden. Für mich gab‘s ein tolles Filetsteak in Pfeffersauce, alles für drei Euro. Das findet man wohl nur in Afrika.
Mit dem guten Essen konnten wir (fast) alle Gedanken an den nächsten Tag verdrängen, an dem wir die angeblich 16 Stunden andauernde Busfahrt hinter uns bringen wollten.
Zum Glück war es ein echter „Luxusbus“ und fast nur Asphaltstraße, sodass die Fahrt nicht ganz so schlimm war. Mit ein wenig schlafen, der Audio-Edition des „Economist“, einem aufgeladenen Computer mit Internetstick und viel aus dem Fenster schauen ließ sich die schließlich 19 Stunden dauernde Fahrt ganz gut überbrücken.
Da das günstige Hostel in der Innenstadt schon reserviert war, konnten wir uns einfach ins nächste Taxi und kurz darauf ins Bett fallen lassen - natürlich nicht ohne vorher noch ein bisschen über den Preis zu verhandeln.

Die Nacht war leider relativ kurz. Wie so oft in Dar war Stromausfall und morgens um sieben hatten wir das Gefühl die Generatoren aller angrenzend Nobelhotels stünden auf unserem Balkon. So haben wir den Sonntag früh begonnen und sind erstmal etwas planlos durch die Gegend gezogen.
Schon kurz darauf haben wir einen herrlichen Platz gefunden um ein zweites Frühstück einzunehmen, „City Garden Restaurant“ eine ruhige Oase in der Innenstadt Dar-es-Salaams wo es neben gutem Essen auch noch - entgegen aller unserer bisherigen Erfahrungen in Afrika - sehr guten Service gab.
Dies war der Anfang des großen Fressens, das eigentlich die ganze Zeit in Dar andauern sollte. („Wer weiß wann‘s wieder etwas gibt“, „das hatten wir die letzten drei Monate nicht“, „wie teuer das jetzt in Europa wär...“)
Schon in Urlaubsstimmung waren wir ganz Touri-mäßig unterwegs, mit Sonnenbrillen und kurzer Hose. Sogar einen Abstecher ins Museum haben wir gemacht. Und Pizza gegessen.
Außerdem war am Sonntag das Finale des „Tusker-Cups“, einem Turnier zwischen den Ländern Ost-und Zentralafrikas. Wir sind spontan hingefahren und es hat sich gelohnt, obwohl es keine Tickets mehr gab und wir einen Polizisten bestechen mussten um reinzukommen.
Das Stadion war komplett modern und rappelvoll, aber alles friedlich und gute Stimmung. Tansania hat gewonnen, sodass auch hinterher noch richtig gefeiert wurde (mit Feuerwerk am hellichten Tag - für die Tansanier scheinbar etwas ganz besonderes).

Montag morgen um 8 standen wir dann im Immigration-Office. Nein das Visum ist nicht fertig. Nein, dass ist ja schon so lange her, dass Sie das beantragt haben, kommen Sie mal nächste Woche wieder.
Nach ein wenig telefonieren und beharrlichen Wartens ging es dann weiter, ich konnte bezahlen und habe alle möglichen Zettel bekommen.
Als ich das Visum dann in meinen Pass eintragen lassen wollte die Ernüchterung: Nach dem Bezahlen müssen Sie vier Tage warten, dann können Sie es eintragen lassen, „business procedure“. Da ließ sich nicht viel machen, mit schildern der Situation und ein wenig betteln wurde der Vorgesetzte angerufen, der konnte die vier Tage immerhin auf „morgen früh um 10“ verkürzen.
So ging es enttäuscht zurück ins Hotel, kein Sanzibar heute, kein kühles Nass, nach dem man in der kochenden Großstadt so sehr verlangt. Sehr solidarisch blieb Malin auch noch eine Nacht mit mir in Dar, und wir beschlossen das Beste draus zu machen. Dies ist uns absolut gelungen. Der Höhepunkt war wohl der Besuch im „Kilimanjaro Fitness Center“. Obwohl wir beide nach drei Monaten Trainingspause von unseren Leistungen sehr enttäuscht waren, hat das trainieren so viel Spaß gemacht, dass wir Dienstag morgen um sieben gleich nochmal hingegangen sind. Es war ein richtiges Fitnessstudio, zwar mit alten Geräten aber man konnte praktisch alles machen und es ist ein herrliches Gefühl mal wieder richtig Muskelkater zu haben.
Nach dem Training waren wir dann auch endlich im Immigration Office erfolgreich, auch wenn wir so lange warten mussten, dass wir die Fähre um eins verpasst haben. Naja, dafür haben noch ein himmlisches Mittagessen vom Buffett gegönnt, Urlaub ist Urlaub.

Jetzt freuen wir uns auf paradiesische Strände und einen Tauchkurs auf Sansibar, bevor es hoffentlich pünktlich zu Weihnachten wieder in den Bus Richtung „zuhause“ geht.

Aufgrund von Internetproblemen kommt der Eintrag leider 1,5 Tage zu spät und ohne Bilder - ich hoffe diese werden bald nachgereicht!
Update: Fotos der Reise gibt es hier

Ministry of Jesus Christ

Dienstag, 7. Dezember 2010
Gerade standen zwei junge Herren vor meiner Tür. Eric und Chris. Ich hatte sie letztens am Tor getroffen. Integrationsbereit wie ich natürlich bin, habe ich nicht widersprochen, als sie meinten, dass wir uns unbedingt mal treffen müssten.

Anders als vielleicht in Deutschland üblich, war das kein leeres Versprechen.Ein Pastor und ein junger Mitarbeiter einer neuen Kirche hier in Omurushaka, wollten ein bisschen mit mir plaudern. Es folgte ein durchaus interessantes Gespräch, in dessen Verlauf sich mein Bild ihrer Glaubensgemeinschaft von „nichts Besonderes“, über „sektenhafte Teufelsaustreiber“ zu „scheinbar friedliche Missionare“ wandelte. „Ministry of Jesus Christ“ heißt diese mir bisher unbekannte Glaubensgemeinschaft, die in Tansania wohl durchaus verbreitet ist.

Während der Pastor nur Kisuaheli sprach, konnte der junge Mitarbeiter gut englisch, weshalb ich mich hauptsächlich mit ihm unterhalten habe.
Er ist in Uganda zur Schule gegangen und will demnächst in Tansania studieren, arbeitet jetzt ein bisschen bei der Kirche zwischendurch und meint damit Gutes zu tun.

Wie immer war das Interesse an Europa natürlich sehr groß. Er habe gehört, dass viele Menschen garnicht regelmäßig in die Kirche gehen würden. So kamen wir dann dazu, im wahrsten Sinne des Wortes über „Gott und die Welt“ zu reden.

Man müsse an Gott glauben. Warum er an Gott glaube? Ja wer habe ihn denn sonst gemacht. Ob er nicht an Darwins Evolutionstheorie glaube? Naja. Aber irgendjemand müsse ja am Anfang gestanden haben. Und außerdem gibt es ja auch den Teufel.




Du glaubst also, dass es den Teufel gibt? Natürlich gibt es den Teufel. Und die Geister. Der Pastor habe schon persönlich welche gesehen.
Interessant, sehr interessant. Wie sehen die Geister denn aus? Woran erkenne ich die? Ja also tagsüber sehen die genau aus wie normale Menschen, aber nachts, die Hexen und Zauberer, komplett nackt und komisch angemalt.
Und wenn sie ihre Kräuter auspacken sind sie unsichtbar und können durch Wände gehen. Sehr gefährlich, ich solle mich in acht nehmen.

Hm. Ich überlegte mir schon wie ich die beiden mittelfristig von der Hexenverbrennung abbringen konnte.
Doch auf meine Frage, was man denn macht wenn man solche Geister trifft, wurde mir nur geraten sich aus dem Weg zu gehen.
Nein so etwas würden sie nicht träumen. Es kämen ja auch Menschen in ihre Kirche und um zu beichten, Geister zu sein.

Langsam kommen wir der Sache mit der Hexenverbrennung näher.

Was wir dann machen? Wir sagen ok, das ist jetzt vorbei. Wir erzählen ihnen von der Bibel und heißen sie herzlich in der Gemeinschaft der Gläubigen willkommen.

Das hört sich ja durchaus vernünftig an. Es kommt mir der Gedanke, dass meine beiden Besucher vielleicht doch nicht komplett verrückt sind. Immerhin sind wir in Afrika, wo es durchaus noch Anhänger von Naturreligionen gibt. Vielleicht gibt es ja wirklich Gestalten die nackt und seltsam bemalt durch die Nacht laufen und mit Heilkräutern wedeln.

Und da diese Gestalten ja immer nur durch Wände gehen, wenn sie gerade unsichtbar sind, sind es vielleicht sogar ganz normale Menschen.
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