Weltwärts gen Tansania

- Oliver Wichert

CHEMA

Freitag, 27. Mai 2011
Ich glaube ich habe hier noch nie ausführlich über CHEMA, meinen Arbeitgeber, geschrieben. Da ich sowieso einen ähnlichen Bericht für weltwärts schreiben musste, kann ich ja auch mal hier berichten:

CHEMA ist eine NGO unter der Obhut der Diözese von Kayanga. Seit diesem Jahr ist CHEMA Kayanga unabhängig von CHEMA Rulenge. Der Großteil der finanziellen Unterstützung kommt von Misereor, das gerade den Vorschlag für das Fortbestehen des Projektes bis 2013 akzeptiert hat.
CHEMA besteht schon recht lange und ist hier in Karagwe eine der größeren NGOs. Angefangen hat das Projekt mit Baumschulen doch inzwischen ist das Ziel der Organisation etwas aufgeweichter: Es scheint im Allgemeinen darum zu gehen die Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung zu verbessern und nachhaltig zu gestalten. Dabei ist eine inhaltliche Spezialisierung nicht mehr besonders stark festzustellen, auch wenn umweltliche Aspekte für die weitgehend auf Landwirtschaft angewiesene Bevölkerung natürlich von größter Bedeutung sind. Ich habe das Gefühl, dass CHEMA inzwischen eigentlich fast alles macht, was irgendwie sinnvoll erscheint.

Ich habe bis jetzt hauptsächlich drei große Projekte von uns kennen gelernt:
  • Die Bienenhaltung (ich kaufe leckeren Honig)
  • Die Energiesparöfen (die werden direkt unter meinem Büro zusammengehämmert)
  • Die Planung der Projekte in den Dörfern (ich war ein paar mal dabei)

Die Bienenhaltung läuft etwas schleppend. Es gibt wohl Absatzprobleme mit dem Honig. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Schon für mich, der hier bei CHEMA wohnt, ist das Honig holen nervig. Es sind keine Gläser vorrätig, man muss also ein leeres Glas mitbringen, hoffen dass die zuständige Mitarbeiterin da ist und warten bis das Glas abgefüllt ist.
Auch die Energiesparöfen sind noch nicht so richtig angelaufen, es gibt einen Mitarbeiter der sie baut und natürlich nicht besonders viel schafft.
Es wird es jetzt aber wahrscheinlich aufwärts gehen: Es wird ein kleines Trainingszentrum gebaut, wo dann sowohl Bienenhaltung als auch der Bau der Öfen anderen beigebracht werden kann.

Der Hauptteil des Projektes setzt in den Dörfern an: Zunächst werden ausführlich die Probleme zusammen mit einer Abordnung des Dorfes durch verschiedene Methoden herausgearbeitet, dann teilweise auch mögliche Lösungen zusammen gefunden. Dies scheint ziemlich gut zu funktionieren und nicht nur zu passenden Angeboten, sondern auch dazu zu führen, dass die Teilnehmer sich verstärkt mit den Angeboten identifizieren. Da die meisten Dörfer jedoch sehr ähnlich erscheinen, stehen die Lösungen glaube ich teilweise schon vorher fest und auch bei der Auswertung bei CHEMA werden mehr die Lösungen eines „Vorbild-Dorfes“ ein wenig angepasst. Ganz ignoriert werden die Ergebnisse dennoch nicht.
Die Lösungen sollen auch Gleichberechtigung, Menschenrechte und den Kampf gegen HIV/AIDS fördern. Ich habe jedoch das Gefühl, dass es CHEMA hier ein wenig an Expertise fehlt. Außerdem gibt es in den Bereichen Menschenrechte und HIV/AIDS einen Interessenskonflikt mit der katholischen Über-Organisation. Meinem Vorschlag, die Haltung der Kirche gegenüber Kondomen („Gibt es Kirchen, die Kondome nicht verbieten?“) evtl. als Ursache dafür, dass diese kaum benutzt werden, aufzunehmen, wurde nur mit Gelächter begegnet.

Die Mitarbeiter
  • Der „wichtigste Mann“: Father Nicodemus ist unser Director. Er ist jedoch nur ein paar Mal die Woche hier und soweit ich mitbekomme hauptsächlich repräsentativ tätig. Wenn es jedoch darum geht ob man morgens um 8:00 oder 8:30 loslegen soll, hat er das sagen. (natürlich 8:30)
  • Der wichtigste Mann: Herr Kileo ist unser Coordinator. Er hat immer viel zu tun, organisiert alles, ist mit den Geberorganisationen in Kontakt und weiß über alles Bescheid. Er arbeitet schon seit vielen vielen Jahren bei CHEMA.
  • Die Programme Officers: Esther und Shija sind für das Inhaltliche verantwortlich. Sie leiten die Workshops in den Dörfern und vor allem Esther weiß glaube ich unendlich viel über Landwirtschaft.

Außerdem haben wir noch eine Sekretärin, einen Buchhalter, den Adelaard, der für die Öfen zuständig ist, Diana, die sich um den Honig kümmert, einen Fahrer, einen Laufjungen und Piki-Piki-Fahrer und einen Wachmann.
Über die Bedeutung der Positionen und die Art der Zusammenarbeit kann ich mich nur immer wieder wundern. Die Mitarbeiter am unteren Ende der Befehlskette werden hemmungslos herumkommandiert. Gleichzeitig können aber auch sie sich problemlos einen Witz auf Kosten des Chefs erlauben—sogar in dessen Anwesenheit.

Einige Mitarbeiter sind mit Leidenschaft dabei, aber ich denke CHEMA könnte auch mit weniger Mitarbeitern das gleiche leisten. Ein Beispiel: Jeden Morgen um halb neun ist eine viertel Stunde Morgengebet. Um halb neun heißt aber nicht um halb neun, sondern zwischen halb neun und neun. Vorher ist also noch entsprechend lang lockere Unterhaltung. Wenn die Arbeitszeit um viertel nach neun losgehen würde, wäre das ja kein Problem. Sie soll jedoch zwischen acht und halb neun beginnen, um den Acht-Stunden Tag zu füllen. Es wird also offiziell während der Arbeitszeit gebetet. Wahrscheinlich steigert das Beten CHEMAs Erfolg um mindestens 10%, oder wie ist das zu rechtfertigen?

Naja so ist das hier halt, und auch wenn sich einiges etwas negativ anhört, denke ich doch, dass CHEMA einige tolle Projekte hat und vor allem im Umwelt- und Landwirtschaftsbereich etwas bewirkt.

Habari

Montag, 2. Mai 2011
Viele Wochen alt war der letzte Eintrag, viele Wochen in denen doch einiges passiert ist.
Der Alltag hält immer weniger Überraschungen bereit, man hat sich gewöhnt, ans Dorf, an die Menschen, an die Tiere (naja an den Skorpion im Wohnzimmer noch nicht, aber der hat den Einbruch auch mit dem Tod bezahlt), die Regenzeit kam und ist schon wieder mehr oder weniger vorüber, arbeiten, reisen...

Mein 8 Stunden Arbeitstag ist unverändert, es ist unterschiedlich viel zu tun, mit Stress kann ich gut umgehen. Bei den Projekten, die im Zwischengespräch besprochen worden waren, hat sich leider noch wenig getan. Aber auch an dieses afrikanische Abwarten habe ich mich bereits gewöhnt, mich vielleicht gar schon angepasst.




Vor oder nach der Arbeit bin ich jetzt wieder öfter laufen, nachdem ich nach dem Marathon wegen verschiedener Beschwerden immer wieder pausieren musste. Auch treffe ich mich mehr mit anderen Menschen. Zum Beispiel mit Fred. Fred ist selbstständiger Händler könnte man sagen und hilft nebenbei in einer NGO, die eine Art KiTa ist—einige Kinder bezahlen Gebühren, von denen ärmere Kinder mit versorgt werden können. Mit ihm kann man sich sehr gut unterhalten, er ist einer der wenigen die ich hier getroffen habe, der Dinge auch mal in Frage stellt.

Über Ostern konnte ich ein weiteres Land ein wenig kennen lernen—Uganda. Malin und ich sind am Donnerstag Morgen in Richtung Grenze aufgebrochen. Wir hatten uns für einen sehr kleinen Grenzübergang entschieden, ohne Asphaltstraße aber mit kürzerem und wie wir unterwegs feststellten sehr schönem Weg. Wir wollten die 50$ für das Visum in Tanzania-Shilling bezahlen, was auch kein Problem war, sogar beim Umrechnungskurs ließen die Beamten mit sich handeln. Ob das Geld allerdings jemals die Staatskasse erreicht hat ist mehr als fraglich...




Das ländliche Uganda unterscheidet sich zunächst wenig vom ländlichen Tansania. Keine polierten Häuser entlang der Asphaltstraßen, wie in Ruanda, sondern erstmal schlechte Schotterstraßen, genau wie bei uns. Auch die erste größere Stadt die wir erreichten, Mbarara, war auf den ersten Blick nicht viel anders als die Städte in Tansania. Von da an war der Transport allerdings etwas angenehmer. Die Dalla-Dallas (Kleinbusse) haben mehr oder weniger einzelne Sitze und es kommt kaum vor, dass in einer Reihe mehr als vier Menschen sitzen. Dafür kann man auf den Motorrad-Taxis auch problemlos zu dritt fahren.

Die erste Nacht in Uganda verbrachten wir bei Hannah in einem kleinen Dorf. Es war ein sehr angenehmer Abend und wir konnten gleich in den ersten Geburtstag reinfeiern.



Am nächsten Tag ging es dann weiter nach Fort Portal, wo wir uns mit insgesamt sechs Freiwilligen getroffen haben. Die Abende waren lang, es gab Osterfeuer, wir haben in einem wunderschönen Kratersee gebadet und waren einen Tag sogar Golfspielen—nachdem wir uns auf dem Second-Hand Markt entsprechend eingekleidet hatten. Alles in allem wieder eine tolle Reise, sodass ich jetzt gut für die nächsten Arbeitswochen gerüstet bin.

Und so viele Wochen sind es leider auch insgesamt schon garnicht mehr. Die fast 8 Monate, die ich nun in Afrika bin, vergingen wie im Flug. Es war bis jetzt eine sehr schöne Zeit, in der ich viel gelernt habe, nicht nur über Afrika, sondern ich hatte auch sonst viele Gelegenheiten zum nachdenken und habe interessante Menschen getroffen. Auch wenn die Arbeit manchmal etwas langweilig ist, bin ich sehr froh mich für Afrika entschieden zu haben. Nun bleiben mir noch knapp vier Monate hier, die mir hoffentlich noch viele spannende Ereignisse bescheren. Ich bin zuversichtlich, dass ich sie noch genießen werde!
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